Um von Hanoi ohne allzu grosse Umwege nach Laos zu gelangen, waehlten wir einen recht abgelegenen, schlecht erschlossenen Grenzuebergang, den bei Na Meo/Nam Xoi. Es ist umstaendlich, dort mit oeffentlichem Verkehr hinzugelangen, respektive man muss sich am Schluss mit dem Motorradtaxi (Xe om) 2-4 h hinfahren lassen. Wir charterten deshalb einen Privatwagen und liessen uns darin direkt hinfahren, was einen ganzen Tag in Anspruch nahm und durch schoene Gegenden mit Reisfeldern und kleine Doerfchen mit einfachen Bambushuetten fuehrte. In Na Meo fanden wir vor der Grenze eine sehr einfache Unterkunft mit achtbeinigem Haustier. Als wir beim Bier sassen, kam jemand mit einem Huhn unter dem Arm in die Kueche und ging mitsamt Huhn und einem Beil durch die Hintertuer raus. Bald darauf war ein Geflatter zu hoeren und vielleicht 10 Minuten spaeter kam derselbe Mann mit einem perfekt gerupften Huhn zurueck. So schnell geht das. Nach dem Abendessen schlossen wir mit zwei Einheimischen Bekanntschaft, die sich zu uns an den Tisch begaben. Der eine, stark alkoholisiert, sprach etwa 2 Woerter Englisch, der andere, etwas nuechterner, etwa 7. Natuerlich wurden wir zum Konsum von Schnaps genoetigt, laotischer Herstellung offenbar. Nun ja, wir machten halt ein wenig mit, und am Schluss wuenschten uns die beiden eine gute Reise und schenkten sogar noch Geld, das gehoert offenbar dazu (ganz wenig, natuerlich). Der Grenzuebertritt klappte reibungslos, worueber wir froh waren. Wir hatten naemlich kein Visum fuer Laos, weil seit wenigen Monaten ein Abkommen zwischen der Schweiz und Laos in Kraft ist, welches es uns ermoeglicht, 2 Wochen ohne Visum im Land zu bleiben. Wir hatten nur ein wenig Angst, dass diese Neuerung noch nicht bis hierher durchgedrungen war (unsere Paesse wurden denn auch lange und eingehend betrachtet).
Unser erstes Ziel in Laos erreichten wir per Sawngthiew. Dieses Wort illustriert schon mal, dass es offensichtlich schwierig ist, Lao zu transliterieren. Lao ist verwandt mit Thai und hat eine eigene Schrift, die aus einer alten Khmer-Schrift entstanden ist, welche wiederum auf suedindischen Vorbildern basiert. Ein Sawngthiew ist ein Pickup mit 2 Laengsbaenken auf der ueberdachten Ladeflaeche, einem philippinischen Jeepney funktionell nicht unaehnlich. Damit fuhren wir nach Vieng Xai, einem Dorf inmitten von groesseren, verstreuten Kalkfelsen. In diesen Kalkfelsen gibt es grosse Hoehlensysteme, in denen sich die kommunistische Politbewegung Pathet Lao in den Zeiten des Vietnamkrieges (und eben des zeitgleichen amerikanischen Geheimkrieges in Laos) verschanzten. Die Pathet Lao sind gewissermassen das laotische Pendant zu den Viet Cong, sie wurden von diesen auch unterstuetzt und trainiert. Diese Hoehlen sind seit Kurzem der Oeffentlichkeit zugaenglich und mit einer modernen, professionellen Audiotour ausgestattet. Es war sehr eindruecklich, eine Vorstellung davon zu bekommen, unter welchen Umstaenden Soldaten, aber auch Zivilbevoelkerung, lebten. Die Pathet Lao hatten allen Grund, sich in solch abgelegenen Regionen zu verschanzen: Laos kann den zweifelhaften Ruf fuer sich beanspruchen, das per capita am staerksten bombardierte Land der Welt zu sein (2 Millionen Tonnen Bomben auf damals ca. 1 Million Einwohner, laut The Guardian eine B52-Ladung alle 8 Minuten zwischen 1964 und 73). Diese ueble Geschichte hat Auswirkungen bis in die Gegenwart; noch immer liegen tonnenweise nicht explodierte Bomben (unexploded ordnance, UXO) im Land verstreut herum und fordern jaehrlich zahlreiche Todesopfer. Besonders problematisch sind die Clusterbomben, welche damals eingesetzt wurden (der primaere Zweck der Bombardierungen war, den Nachschub der Vietcong ueber den Ho Chi Minh-Pfad zu sabotieren). Eine Bombe enthaelt dabei mehrere hundert tennisballgrosse Bomblets, welche wiederum 250 Stahlkugeln enthalten. Von diesen Bomblets gibt es scheinbar immer noch sehr viele. Das Metall der Bombenschalen etc. erzielt mittlerweile gute Preise, deshalb suchen viele arme Bauern gezielt nach solchen Ueberresten, um ihr Einkommen aufzubessern.
So wenig es also ratsam ist, in Laos einfach irgendwo im Wald spazieren zu gehen, so verlockend waere es. Ganz Laos ist stark bewaldet und hat einen ausserordentlich hohen Anteil an Primaerwald. Obwohl auch hier Lebensraumzerstoerung und Jagd vielen Arten zusetzen, sieht’s nicht zuletzt aufgrund der tiefen Bevoelkerungsdichte in abgelegenen Gebieten noch relativ gut aus, sogar Tiger gibt es noch (in vielen Doerfern haben wir Plakate gesehen, We’re proud to have tigers here).
In Vieng Xai erlebten wir auch gleich eine erste Dosis lao Kultur. Wir spazierten an einem Gelaende mit vielen Leuten und riesigen Lautsprecherboxen vorbei und wurden sofort herbeigewinkt. Es handelte sich, soweit wir verstanden, um eine Hochzeit. Wer genau geheiratet hat, wurde zwar nicht ganz klar, sehr klar wurde aber, dass wir uns jetzt sofort setzen sollten und doch mal was trinken und essen. Zu essen gab es Lap (eine Art Fleisch- oder Fischsalat) mit Bueffelfleisch und kalten Sticky Rice, eine Reissorte, welche stark zusammenklebt und die man deshalb nur mit den Fingern einigermassen essen kann. Zu trinken gab es Beerlao. Diese Biermarke kontrolliert ueber 99 % des laotischen Biermarktes und die Lao sind enorm stolz darauf. Nicht zu unrecht, denn das Bier ist wirklich gut. Weniger gut war dafuer der lao lao, Rice Whiskey. Dieser ist inflationaer billig, und deshalb betrinkt sich ganz Laos inklusive zufaellig herumstreunender Touristen damit. Die Einladung, ein Lied ueber die grosskalibrige Soundanlage zu singen, konnten wir ausschlagen, aber ohne tanzen ging’s nicht. Discolao, dancelao! wurden wir ermutigt und machten dann mit. Es stellte sich heraus, dass zu laotischer Popmusik (hoechstwahrscheinlich poplao… toent immer ein wenig aehnlich klebrig) in zwei Kreisen getanzt wird, d.h. man geht ein wenig im Kreis herum und macht lustige trancige Bewegungen mit den Haenden. Laos ist nicht eine Nation von Elitetaenzern
. Wir bedankten uns ueberschwaenglich fuer die Gastfreundschaft und machten uns etwas benommen davon.
Etwa eine Autostunde weiter westlich, in Sam Neua, uebernachteten wir ein Mal und strolchten ein wenig ueber den Markt, wo eine Marktfrau von meinem Interesse fuer ihre autopsierten Feldratten begeistert war und mir alle Organe auf laotisch erklaerte (sie sehen, nicht ueberraschend, gleich aus wie die in Maeusen, nur groesser). Verkauft wurde ausserdem irgend ein schoener Vogel, den man besser nicht abgeschossen haette, grosse Suesswasserfische, Ochsenschwaenze und als Highlight ein Hundekopf. Der naechste Tag war ein wenig torturoes und bestand in erster Linie aus einer 10-stuendigen Busfahrt durch wunderschoene bewaldete Huegellandschaften aber ueber extrem kurvenreiche Strassen nach Nong Khiaw. Unterwegs kamen wir durch pittoreske Doerfer, alle Haeuser sind hier fast ausschliesslich aus Bambus gebaut und stehen auf Stelzen, ab und zu sieht man zum Baumaterial umdefinierte Bombenteile. Beim Durchfahren sieht man den Leuten buchstaeblich ins Wohnzimmer, so sahen wir beispielsweise Leute, die sich bei der Wasserstelle am Strassenrand den Dreck des Tages vom Leib wuschen. Von Nong Khiaw schipperten wir den Nam Ou nach Muong Ngoi Neua hoch, einem gemuetlichen, aber vom Tourismus entdeckten Dorf am Flussufer ohne Strassenanschluss. Dieser Ort scheint ausserdem eine der hoechsten Huehnerdichten der Welt zu haben, in jedem Busch stecken ein paar davon. Aber sehr idyllisch, und vom Fluss aus bieten sich wunderschoene Aussichten auf die steilen bewaldeten Flanken.
Eine weitere vierstuendige, kalte Fahrt mit dem Sawngthiew brachte uns nach Luang Prabang. Diese im Unesco-Weltkulturerbe gelistete Stadt war vom 14. bis ins 16. Jahrhundert Hauptstadt des Koenigreichs Lan Xang (Land der Millionen Elefanten) und birgt deshalb ein reiches kulturhistorisches Erbe, in erster Linie buddhistische Tempel/Kloester (Wats). Viele davon wurden in verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Burmesen und den Thai zwar in Mitleidenschaft gezogen, sind aber wieder restauriert worden. Wir bestaunten gleich mal einige Tempel, die meisten sind golden bemalt, ueber mit sehr kunstvollen Holzschnitzereien verziert und haben weit zum Boden strebende, sich teilweise ueberlagernde Daecher. Bewohnt werden sie von meist sehr jungen buddhistischen Moenchen in orangen Tuechern; alles in allem ein wunderschoenes Bild. In der Hauptstrasse wird jeden Abend der Abendmarkt aufgebaut, eine schier endlose Aneinanderreihung von Staenden, welche allerlei Handwerk verkaufen. Wir schlenderten ueber den Markt und versuchten Andreas von den Vorzuegen der Kissenbezuege und Seidenpapierlampen zu ueberzeugen. Der naechste Tag gestaltete sich leider reichlich muehsam: Ich schleppte mich zum Koenigspalast, welcher zum Nationalmuseum umfunktioniert wurde, schaute mir diesen mit glasigem Blick schnell an und schleppte mich sodann wieder zurueck ins Guesthouse. Der Weg zurueck fuehrte mich ueber einen Markt, auf dem vom getrockneten Hund (oder was auch immer das war) ueber lebende Bambusratten und ebenfalls lebende, aber gemeinerweise durch die Beine aufgespiesste Froesche fast alles verkauft wurde. Ich zwang mich, nicht auf den Boden zu kotzen und war dann froh, abliegen zu koennen. Vielleicht 2 Stunden spaeter kam Matter zurueck und verschwand ebenfalls sogleich im Bett. Keine Ahnung, was los war, vielleicht war das Streetfood-Znacht doch nicht so einwandfrei gewesen… Jedenfalls fuehlten wir uns beide ziemlich schlecht und litten an Diarrhoe (naja, und das zwecks Rehydrierung eingenommene Isostar mochte dem ersten durchs Fenster hereinwehenden Nudelsuppe-Geruechlein auch nicht standhalten…). Waehrend Aendu also alleine die Gegend erkundete (er fuhr per Motorrad zu den schoensten Wasserfaellen, welche es auf Erden gibt, wenn man seinen Schilderungen glaubt, was man natuerlich nicht tut), konzentrierten wir uns auf die akustische Umgebung. Luang Prabang ist voller Musik; von den Tempeln hoert man die Pauken und Gongs der Moenche und vom Markt den ueberlauten, eintoenigen Poplao, stundenlang. Unterbrochen wird dies von uebereifrigem Hahnengekraeh und unzurechnungsfaehigen Katzen. Am Tag darauf wagten wir uns am Nachmittag zaghaft wieder raus und ich besuchte den praechtigen Wat Xieng Thong, welchen ich am Vortag verpasst hatte.
Der naechste Zwischenstopp war Vang Vieng und der fuenfstuendige, sehr kurvige Transport dorthin fand in einem Minivan statt. Mir und Matter war ungefaehr von Anfang bis Ende speiuebel und wir waren nicht unfroh, als wir ankamen. Vang Vieng ist so etwas wie der Suendenpfuhl des touristischen Laos. Alles ist voller TV-Bars, in welchen man herumliegen und sich tagelang endlose Folgen von Friends und Family Guy ansehen kann, dazu kann man beispielsweise literweise Beerlao trinken und Happy Pizza essen. Happy heisst hier nicht, dass besonders viel Prosciutto drauf ist, sondern Marihuana, halluzinogene Pilze, Opium oder Methamphetamin. Das ganze Dorf ist ueberlaufen mit haesslichen (wenn auch meist jungen und soooo hippen) weissen Touristen, welche besoffen und zugedroehnt halbnackt herumhaengen und ihre Ferien ach so toll finden. Um Vang Vieng kann man aber viel Tolles unternehmen: Klettern, schoene Kalkfelsen und Hoehlen anschauen, Tubing (sich auf Traktorschlaeuchen den Fluss runtertreiben lassen und alle paar Meter anlegen und in eine Bar gehen), Kajaken, Raften… Dominique und Andreas gingen klettern, waehrend ich erst mal ausschlief, ich fuehlte mich immer noch nicht wirklich fit. Beim nachmittaeglichen Tubing fanden wir dann heraus, dass hier der langweiligste Fluss der Welt durchfliesst, d.h. er steht fast mehr als dass er fliesst. Tubing ist aber offensichtlich auch eher Rahmenprogramm, die meisten Leute haengen stundenlang in den Strandbars rum, geben sich die Kante und lassen sich in halsbrecherischen Stunts, genannt Slingshots, in den Fluss schwingen. Ein lustiges Treiben. Leider bekam mir nicht mal das Zuschauen desselben gut und ich verbrachte die naechste Nacht zwischen Toilette und Bett, was ein wahrer Albtraum war. Am naechsten Morgen war ich nur noch ein Schatten meiner Selbst und blieb tagsueber im Bett. Am Abend schleppte ich mich mit den anderen Jungs durchs Oertchen, wir partizipierten ein wenig an den TV-Orgien und spaeter in den Strandbars. In Anbetracht meiner angeschlagenen Gesundheit verabschiedete ich mich vor zwoelf in Richtung Bett; was en detail die anderen zwei trieben, entzieht sich also meiner Kenntnis. Jedenfalls aber holten sie mich am fruehen Morgen aus dem Tiefschlaf. Matter purzelte zur Tuer herein, gluecklicherweise direkt auf sein Bett, wo er regungslos liegen blieb (nun ja, ist etwas dramatisiert, jedenfalls verzichtete er aber tatsaechlich auf seinen allabendlichen, zwanzigminuetigen ekstatischen Zahnputzritus, wahrlich ein pathologisches Zeichen). Aendu geisterte im Zimmer umher und erzaehlte lustige Geschichten von Farben; er erinnerte mich ein wenig an Frederic, die Maus (der da). Etwas belustigt schuettelte ich den Kopf und schlief weiter. Die anderen zwei taten dies auch, und es brauchte am naechsten Morgen eine ganze Weile bis man sie davon abbringen konnte. Matter ass zwar bereitwillig sein Muesli, machte aber den ganzen Tag ein Gesicht wie Jesus am Kreuz und sagte kein Wort, ausser vielleicht mal ach!. Wir verliessen diesen zweifelhaften Ort und ich geriet zur Ueberzeugung, dass es vielleicht, waere ich nicht krank gewesen, summa summarum auch nicht weniger muehsam gewesen waere, wer weiss. Mittlerweile haben wir eine Nacht und einen Tag in der heutigen Hauptstadt, Vientiane, verbracht und der Kater meiner Mitreisenden scheint sich nun doch langsam verzogen zu haben…